April 2021

„Christus ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes,
der Erstgeborene, der über der gesamten Schöpfung steht.“
- Kolosser 1,15

Wir tun uns heutzutage schwer mit der Bestimmung Gottes in der Theologie, sofern wir nicht mehr glaubend, sondern verstehend Gott beschreiben. Gott wird nach biblischen Texten des Alten und Neuen Testamentes nicht als Person beschrieben, obwohl er Person ist. Sein Wesen wird als Geist bezeugt, womit dem Geist des Menschen die Fähigkeit Gott zu erkennen gegeben ist, da Geist mehr ist als Verstand und erst recht mehr als die Reduktion auf Gehirnleistungen ist.1

In der Bibel wird Gott als Gott (Psalm 104,10), als der Heilige (Psalm 78,41), als der Herr (2. Mose 6,2) und als Vater (Matthäus 23,9) genannt. Namen Gottes verweisen auf seine Selbstoffenbarung und verdeutlichen seinen Charakter. Elohim (starker, mächtiger Führer, Majestätsplural), Jahwe (benennt Gottes unveränderbare Selbstexistenz und Sicherheit durch seine Gegenwart für sein Volk; belegt seine Macht), Adonai (ähnlich Elohim), Theos (Gott im NT) und Kyrios (Herr, Autorität, Erhabenheit) zeigen das Spektrum dessen, was Gott als Person ist und wie er in der Begegnung mit Menschen von ihnen erlebt wird.

Jesus Christus, Gottes Sohn, ist in Person Ebenbild des unsichtbaren Gottes, seines Vaters. Er sagt von sich: „Ich und der Vater sind eins“2 und an anderer Stelle: „Wer mich sieht, sieht den Vater“3. Damit sind Gott und sein Sohn, Gott der Vater und sein Sohn koinzident4.

Jesus wurde zu seiner Zeit auf Erden gesehen, gehört und beachtet. Wer ihn sah, sah einen Menschen mit „Fleisch und Blut“, mit Eltern und vor die Herausforderung gestellt, in die Gesellschaft seiner Zeit, in der er einen Beruf ausübte und Geschwister an seiner Seite hatte, hineinzuwachsen. Neben all dem steht seine göttliche Berufung, die sich in der Ebenbildlichkeit Gottes, seines Vaters, Ausdruck gibt. In der Ebenbildlichkeit wurde er versucht, wie es uns als Menschen ebenfalls ergeht, denn tägliche Entscheidungen hinterlassen Abdrücke von Taten bzw. Nicht-Taten, deren Tiefe und Schwere biografisch sichtbar wird. Das Leben Jesu zu studieren bringt Offenbarung über die Person Gottes zum Vorschein. Zugleich ist Jesus mit einer Potenz und Macht ausgestattet, die ihm von seinem Vater gegeben wurde. Schon der Beginn der Schöpfung von Welt, Pflanze, Tier und Mensch ist nicht ohne Jesus Christus zu begreifen, denn er ist in dem göttlichen Entschluss: „Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, …“5 im Plural der Aussage präsent. Wenn Jesus Ebenbild Gottes ist, so ist durch ihn Gott zu sehen in seiner Liebe zu den Menschen, in seiner Barmherzigkeit für die Menschen und in seiner Gegenwart als Vater seiner Geschöpfe.

Dass der Mensch im 21. Jahrhundert Gott verloren hat, ist die große Tragik und zugleich die Antwort auf die Orientierungslosigkeit unsere Zeit, die Komplexität und Diversität zunehmend entdeckt und annährend versteht und dabei zugleich den Durchblick für ein Leben schaffendes, Leben erhaltendes Tun und Lassen verliert. Aber im Blick auf Christus, auf sein Kreuz, auf seine Auferstehung und im Bewusstsein des Glaubens, hoffend auf seine Wiederkunft, verändert sich Orientierungslosigkeit in Ordnung und Komplexität und Diversität zu einer Wirklichkeit, die nicht ausgrenzt, die nicht vereinfacht, die nicht reduziert, sondern das Ganze im Blick behält und das Einzelne schätzt und würdigt, dabei nicht überschätzt und schon gar nicht verherrlicht. Denn Gott allein gebührt Ehre, Ruhm und Preis. Das wieder neu zu erfassen, lässt Ostern spürbar werden und setzt den Schrecken einer Pandemie den Kontrapunkt, denn der Tod ist durch Jesus Christus besiegt und deshalb das ewige Leben in den Horizont gestellt. (krb)

 

 

1 Markus Gabriel: Ich ist nicht Gehirn. Ullstein Verlag, Berlin 2015.
2 Johannes 10,30.
3 Johannes 14,9.
4 zusammenfallend; einander deckend.
5 1. Mose 1, 26.